Text: Neal Tritten
Als ich meinen Master in Global Studies (z. Dt. Weltpolitik) an der Universität Luzern begann, musste ich im Einführungssemester ein Seminar aus den Geschichtswissenschaften besuchen. Eigentlich ein mir fremdes Fach, umso passender, dass ich nun meinen Beitrag für den Zunftbrief ausgerechnet zu einem Thema daraus schreibe. Das Seminar behandelte Bilderchroniken, darunter auch die bekannte «Berner Chronik». Als ich am Ende des Semesters eine Arbeit verfassen musste, wollte ich den Bogen zu einem mir vertrauteren Bereich schlagen, dem Nahen Osten, wo ich durch mein Bachelorstudium verankert bin. So entstand die Idee, die Beziehungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem Osmanischen Reich anhand von Bildquellen zu untersuchen und damit das verbreitete Verständnis zu hinterfragen, das Verhältnis von Okzident und Orient sei ausschliesslich von Feindschaft geprägt: Kreuzzüge, Abwehrkämpfe, Eroberungen, Kriege. Meine Arbeit setzte dieser Erzählung eine kritische Perspektive entgegen, war es tatsächlich immer nur Krieg, oder gab es auch Begegnungen, Annäherungen, sogar Diplomatie? Damit sind wir bereits mitten im Thema.
Wir befinden uns am Ende des 15. Jahrhunderts im Heiligen Römischen Reich, in einer Zeit, in der das Osmanische Reich als aufstrebende Grossmacht wahrgenommen wurde, als Konkurrenzreich und zugleich als existentielle Bedrohung für die europäischen Mächte. Seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch Sultan Mehmed II. verdichtete sich in Europa die Vorstellung einer nahezu unaufhaltsamen Expansion nach Westen. Reichstage wurden einberufen, Predigten verfasst, Kreuzzugspläne geschmiedet, und doch scheiterte die Umsetzung immer wieder an inneren Spannungen, Rivalitäten und den Kosten. Die sogenannte „Türkenhilfe“ blieb häufig Programmatik, beschlossen, vertagt, verwässert. Zu den strukturellen Gründen dieser Blockade gehörten die anhaltenden Fehden im Reich ebenso wie wechselnde aussenpolitische Prioritäten. Papst Pius II. rief zwar 1463 zum Kreuzzug, starb jedoch, bevor Armeen zusammengeführt werden konnten. Ein Landfriede wurde zeitweise proklamiert, blieb aber brüchig, und ohne inneren Frieden liessen sich weder Truppen noch Steuern verlässlich mobilisieren. Vor diesem Hintergrund verlor die grosse Idee eines „Türkenzugs“, also eines Feldzugs gegen die Osmanen, zunehmend an Realismus. Maximilian I., römisch-deutscher König und später Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, selbst keineswegs frei von ritterlicher Kreuzzugsrhetorik, begann faktisch umzuschalten, weg vom militärischen Befreiungsnarrativ, hin zu pragmatischen Arrangements. Erste Kontaktaufnahmen 1496 in Vigevano signalisierten diese Verschiebung. Der Auftakt zu jenem Moment, der später in dieser verblüffenden Illustration im Tiroler Fischereibuch von 1504 festgehalten wurde, um welche sich meine Arbeit drehte. Ein Bild, das das Osmanische Reich nicht als Feind darstellt, sondern in einer gemeinsamen Jagdszene mit Kaiser Maximilian I. und einem osmanischen Gesandten, eine Szene fast freundschaftlicher Nähe, in komplettem Kontrast zur vorhergehenden anti-osmanischen Kriegsrhetorik.
Nach den ersten Kontakten in Vigevano 1496 kam es ein Jahr später zum eigentlichen Beginn der diplomatischen Beziehungen. Am 24. Juli 1497 empfing Maximilian eine Gesandtschaft Sultan Bayezids II. im Tiroler Stift Stams. Die Quellen schildern den Empfang als aussergewöhnlich prunkvoll. Neben Maximilian selbst nahmen zahlreiche hochrangige Fürsten, Bischöfe und Diplomaten aus ganz Europa teil. Maximilian war ein leidenschaftlicher Jäger, und nicht selten verband er die Jagd mit Regierungsgeschäften. So lud er auch den osmanischen Gesandten Andreas Grecus-Pontcaracce zur gemeinsamen Jagd. Wie überliefert, erlegte dieser dabei einen Hirsch mit einem Wurfspiess. Der osmanische Gesandte erscheint hier als geschickter Jäger und nicht als Bedrohung, wie es die zeitgenössischen Darstellungen der Osmanen sonst meist nahelegten. Das Treffen blieb nicht nur symbolisch. Es führte zu einem Waffenstillstand zwischen den beiden Mächten und bereitete sogar den Weg zu weiteren Gesprächen in Konstantinopel. An die Stelle der Kreuzzugsrhetorik trat damit erstmals ein handfestes diplomatisches Arrangement.
Die Erinnerung an dieses Ereignis fand ihren Weg in das Tiroler Fischereibuch von 1504. Dieses Werk war weit mehr als ein Jagdhandbuch, es war Teil von Maximilians umfassendem Repräsentationsprogramm, mit dem er sein Herrscherbild in Szene setzte. Bücher und Illustrationen dienten ihm als Medium der Selbstinszenierung, als frommer Kaiser, als passionierter Jäger, als Verteidiger des Reiches, aber eben auch als geschickter Diplomat. Dass ausgerechnet die Begegnung mit den Osmanen hier dargestellt wurde, ist aufschlussreich. Während zeitgenössische Flugschriften und Predigten meist ein bedrohliches „Türkenbild“ zeichneten, zeigt das Fischereibuch eine Szene fast freundschaftlicher Nähe. Die Osmanen erscheinen nicht als Feinde, sondern als Jagdpartner, ein Bild, das dem herrschenden Diskurs widerspricht.
Die Jagdszene im Tiroler Fischereibuch verweist auf den Übergang von Kreuzzugsrhetorik zu pragmatischer Diplomatie und stellt die gängige Vorstellung einer ausschliesslich feindseligen Beziehung zwischen Orient und Okzident infrage, gerade das macht diese Illustration so interessant.
Im Folgenden die Illustration aus dem Tiroler Fischereibuch (1504), gemalt von Maximilians Hofmaler Jörg Kölderer. Im Vordergrund ist Kaiser Maximilian I. hoch zu Ross dargestellt, umgeben von seinen Höflingen. Im Zentrum der Szene erkennt man einen Reiter mit Spiess, der einen Hirsch jagt. Auffällig ist seine lange, farbige Kleidung, wohl ein Kaftan, und eine verzierte Kopfbedeckung, Hinweise darauf, dass es sich um den osmanischen Gesandten Andreas Grecus-Pontcaracce handeln dürfte. Im Hintergrund erscheint Maximilian ein zweites Mal, auf einem Boot beim Fischen, ein weiteres typisches Motiv seiner Herrscherrepräsentation.

Quellen:
Gröblacher, Johann. «König Maximilians I. erste Gesandtschaft zum Sultan Bayezid II.» In Festschrift Herrmann Wiesflecker zum 60. Geburtstag, herausgegeben von Alexander Novotny und Othmar Pickl. Graz: Selbstverlag des Historischen Instituts der Universität Graz, 1973.
Hack, Achim Thomas. «Der König als Fischer in der Karolingerzeit». Francia 41 (2014).
Kruppe, Michael. «Die Türkenhilfe der Reichsstädte Nordhausen und Mühlhausen in der Zeit von Maximilian I. bis Rudolf II. (1493-1612) Ein Beitrag zur Steuer- und Finanzgeschichte im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit». Georg-August-University Göttingen, 2012
Österreichische Nationalbibliothek. «Tiroler Fischereibuch Seite 30». Zugegriffen 12. September 2025. https://digital.onb.ac.at/RepViewer/viewer.faces?doc=DTL_3170054&order=1&view=SINGLE.