Text: Neal Tritten Fotos: Samuel Sommer

Der Kachelofen im Zunfthaus der Gesellschaft zu Schuhmachern.
Seit Jahrzehnten, ja seit Generationen steht er da, nebst Sitzungen, Diskussionen und Feiern, unser Ofen. Er gehört zum Inventar, ist Teil der Kulisse unserer Zunftstube. Wenn man diese betritt, fällt der Blick sofort auf ihn. Präsenz hat er, ohne aufdringlich zu sein. Manch eine:r denkt sich: Was für ein schönes altes Stück. Seine Geschichte und seine vielen Details erschliessen sich jedoch erst auf den zweiten Blick. Dieser Beitrag versteht sich als genau dieser zweite Blick. Er nimmt dieses präsente Objekt in unserem Zunfthaus unter die Lupe und untersucht die Geschichte, Herkunft und kunsthistorische Hintergründe unseres Ofens. Mein eigener Hintergrund liegt eher im ethnologisch-politikwissenschaftlichen Bereich. Für die kunsthistorische Analyse zog ich deshalb einen langjährigen Kollegen hinzu, Samuel Sommer. Er ist Kulturvermittler im Raum Bern und spezialisiert auf bernische Architekturgeschichte und damit auch auf historische Objekte wie Kachelöfen. Gemeinsam haben wir den Ofen genauer betrachtet. Was als routinemässige Bestandesaufnahme begann, wurde bald zu einer kleinen Entdeckungsreise. Während Samuel Details fotografisch festhielt, leuchtete ich mit der Taschenlampe in die Vertiefungen der blauen Malerei. Und dort, fast versteckt, fanden wir eine unscheinbare Inschrift: «C. K. fecit 1759», «Fecit» ist Latein und bedeutet «hat es gemacht». Doch wer verbirgt sich hinter den Initialen «C. K.»?
Werfen wir einen Blick in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Stadt und Republik Bern befindet sich im Zenit ihrer Macht und zählt zu den bedeutendsten Stadtstaaten nördlich der Alpen. Das Territorium der Republik reicht vom Genfersee bis in den Aargau und umfasst weite Teile der heutigen Westschweiz. Es ist die Ära des Ancien Régime, Bern wird durch die Patrizierfamilien absolutistisch regiert. Wohlstand, politischer Einfluss und Selbstbewusstsein prägen die Stadt. Es wird gebaut, modernisiert und repräsentiert. Der Ofen ist damit eingebettet in eine Zeit des Ausbaus, nicht nur der Infrastruktur, sondern auch des städtischen Selbstverständnisses. Doch selbst der prächtigste Neubau war im Winter ohne Heizung wenig komfortabel. Hier kommen die Kachelöfen ins Spiel. Die Öfen dieser Zeit wurden nicht mehr in der Stube selbst befeuert, sondern vom Gang aus. Rauch, Russ und Asche blieben somit draussen. Die grosse Masse der Kacheln speicherte die Wärme und gab sie über Stunden sanft in den Raum ab. Noch spannender als die Technik ist jedoch das Äussere. Neben den traditionellen grün glasierten Öfen des 16. und 17. Jahrhunderts wurden im 18. Jahrhundert zunehmend hell bemalte, weiss-blau dekorierte Kachelöfen beliebt. Inspiriert vom kostbaren Porzellan entwickelte sich die Fayence-Malerei zu einem Ausdruck gehobenen Geschmacks. Der helle Kachelgrund wurde zur Leinwand für kontrastreiche Fantasielandschaften und verspielte Motive.
Unser Ofen und seine Signatur
Genau in diese Tradition gehört auch unser Ofen. Es handelt sich um einen für die Zeit typischen Kastenofen auf Sandsteinfüssen. Oben und unten rahmen sogenannte Frieskacheln drei Reihen grösserer Füllkacheln ein. Die Kacheln sind im charakteristischen weiss-blauen Fayence-Stil bemalt. Zu sehen sind «Fantasie»- oder «Ideallandschaften»: verfallene Ruinen, Schlösser auf Hügeln, üppige Bäume und weite Horizonte. Und doch birgt der Ofen ein Detail, das erst bei genauem Hinsehen auffällt.
Eine Kachel zeigt einen Steinblock, wohl eine Ruine eines Denkmals, auf dem geschrieben steht: «C. K. fecit 1759». Diese Inschrift setzte unsere Recherche in Bewegung.
Wer war dieser «C. K.»? Die Forschung zu bernischen Kachelöfen ist überschaubar. Deshalb suchten wir nach bekannten, dokumentierten Öfen mit stilistischen Parallelen. Samuel bemerkte rasch Ähnlichkeiten zu Öfen von Peter Gnehm. Peter Gnehm (1712–1799), ursprünglich aus Stein am Rhein stammend, war die dominierende Figur der Berner Ofenmalerei in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine Fayencemalerei mit Fantasielandschaften, romantisierten Ruinen und idyllischen Szenen prägte das Stadtbild. Betrachtet man etwa die Öfen im Schloss Jegenstorf, erkennt man typische Elemente: Seen, knorrige Bäume, Jagdszenen und Burganlagen auf Anhöhen. Ähnliche Motive finden sich auch auf unserem Ofen. Doch unser Ofen trägt nicht die Signatur «P. G.» für Peter Gnehm, sondern «C. K.». Wer könnte also dieser «C. K.» sein, der stilistisch wie Gnehm arbeitet? Im Band «Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern» von Paul Hofer fanden wir einen entscheidenden Hinweis. Ein Ofen in der Marktgasse 42, datiert auf 1760, nur ein Jahr später als unserer, trägt eine Doppelsignatur von Peter Gnehm und einem «C. König», könnte das unser gesuchter «C. K.» sein? Die weitere Recherche zeigte, dass dies kein Einzelfall war. Im Schloss Jegenstorf steht ein Kastenofen mit einem interessanten «Patchwork» aus Kacheln von Peter Gnehm (1760) und Christian König (1768). Die Kacheln Königs zeigen Landschaftsdarstellungen im Stil Gnehms, unterscheiden sich jedoch in der Rahmung und Ausführung.

Nahaufnahme des Kachelofens.
Eine mögliche Spur: Christian König
Christian König lebte von 1744 bis 1788. Rechnet man zurück, wäre er im Jahr 1759 erst 15 Jahre alt gewesen. Ist das möglich? Im 18. Jahrhundert begann eine Lehre früh, oft im Jugendalter. Der Ofen in der Marktgasse von 1760 zeigt, dass ein «C. König» bereits zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit Gnehm signierte. Eine frühe Mitarbeit in einer Werkstatt ist also durchaus denkbar. Die enge Zusammenarbeit zwischen Gnehm und König, die wir in der Marktgasse und in Jegenstorf sehen, legt nahe, dass Christian König im Werkstattumfeld Gnehms tätig war, möglicherweise als Schüler oder Lehrling. Unser Ofen könnte demnach ein frühes Werk aus diesem Umfeld sein. Die stilistische Nähe zu Gnehm würde sich so erklären lassen.
Die Signatur «C. K.» auf unserem Ofen könnte demnach für Christian König stehen, das lässt sich aber ohne Kaufverträge oder Werkstattdokumente nicht abschliessend klären
Was als beiläufige Beobachtung begann, führte uns mitten hinein in die Berner Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts. Mit hoher Wahrscheinlichkeit steht in unserer Zunftstube nicht nur ein alter Wärmespender, sondern ein Werk aus dem Umfeld der führenden Berner Ofenmalerei jener Zeit. Vielleicht handelt es sich sogar um ein frühes Werk des jungen Christian König. Ganz sicher aber ist: Unser Ofen ist mehr als Kulisse. Er ist ein stiller Zeuge einer Epoche, in der Bern baute, repräsentierte und sich auch in seinen Stuben kunstvoll inszenierte.
Ein grosser Dank gebührt Samuel Sommer für seine fachkundige Unterstützung bei dieser Recherche. Wer mehr über sein Wissen rund um die Berner Architektur und seine Architekturführungen erfahren möchte, darf sich gerne bei ihm unter kultur.sommer@icloud.com melden.
Quellen:
Brun, Carl, ed. Schweizerisches Künstler-Lexikon. Vol. 2. Frauenfeld: Huber & Co., 1908.
Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). “Bern (Kanton)” und “Bern (Stadt).”
Hofer, Paul. Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern. Band II: Die Stadt Bern: Gesellschaftshäuser und Wohnbauten. Basel: Birkhäuser, 1959.
Stiftung Schloss Jegenstorf, ed. Im Brennpunkt: Die Sammlung historischer Kachelöfen. Exhibition catalog. Jegenstorf, 2013.
Treydel, Renate. “Gnehm, Peter.” In Allgemeines Künstlerlexikon: Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Vol. 56. Munich/Leipzig: K. G. Saur, 2007.