Text: Alain Späth

Florenz, Siena, Venedig, Rom – diese Namen stehen nahezu synonym für die Kunst der Renaissance. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass auch unsere Stadt Künstler und Vertreter dieser Zeit hervorbrachte. Eine Ausstellung im Kunstmuseum würdigt sie noch bis Ende dieses Sommers.
Einige Gemälde ragen dabei besonders heraus: Als einzigartige Synthese aus Spätgotik und italienischer Renaissance vermitteln die Werke von Niklaus Manuel, auch genannt Deutsch, einen Eindruck von der Dynamik und schöpferischen Energie, die damals in Bern herrschte – wenige Jahre vor seinem militärischen und politischen Höhepunkt im Jahr 1536, als seine Jugend unter der Führung von Hans Franz Nägeli das Waadtland eroberte.
Von dem bescheidenen, kleinen Stätdchen zur mächtigen Republik
Heutzutage vergisst man leicht, dass Bern ursprünglich nur eine winzige Gemeinde war, die sich von der Burg Nydegg (am heutigen Chor der Nydeggkirche) bis hinauf zum heutigen Bahnhofsplatz erstreckte.
Man kann sich den Weg vorstellen, den die Stadt in dreihundert Jahren zurückgelegt hat, um ihr Gebiet auszudehnen: Im Osten bis nach Brugg im Aargau und im Westen bis an die Tore von Genf!
Diese erste Epoche bezeichnen die gegenwärtigen Historiker zu Recht als die «mutige Zeit». Die Stadt kämpfte ums Überleben – und wie oft stand sie kurz davor, alles zu verlieren? Was wäre geschehen, wenn Ludwig der Bayer und seine Verbündeten nicht auf wunderbare Weise bei Laupen besiegt worden wären? Im besten Fall hätte die Stadt wohl kein anderes Schicksal erlitten als Burgdorf oder Thun: kleine Städte von lediglich lokaler Bedeutung. Im schlimmsten Fall – da ihre Feinde sie unbedingt auslöschen wollten – wäre Bern vermutlich völlig von der Landkarte verschwunden. Und hätte die Stadt überhaupt jenen Weitblick und Eroberungsdrang weiterentwickelt, der sie später prägen sollte, wenn sich zwischen 1470 und 1471 im Twingherrenstreit die Notabeln gegen den Adel durchgesetzt hätten?
Berns ästhetische Einzigartigkeit
Eines ist gewiss: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte Bern den Frieden gesichert und seinen Wohlstand gefestigt. Als dominierende Macht zu einem Zentrum von Handel und Kultur geworden, konnte sich die Stadt nun gelassen den höheren geistigen Dingen widmen.
So zeichnete sich am Horizont bereits ein Zeitalter der Stabilität ab – eine Epoche, in der es nicht mehr ums bloße Überleben ging, sondern um gute Regierung und das Wohl des Volkes: Berns «mächtige und goldene Zeit».
Im Herzen Europas folgte Bern selbstverständlich den künstlerischen Strömungen seiner Zeit. So entspricht jeder Epoche eine Kunstrichtung, aus der sich eine eigene Ästhetik entfaltet: Die Gotik trug den Aufbruch der jungen Stadt, die Renaissance krönte ihn, und der französische Klassizismus verlieh ihr jene Harmonie und Festigkeit, die bis zum Sturz in den ersten Märztagen des Jahres 1798 Bestand haben sollte.
Aber was Bern auszeichnet – eine nördlich-germanische Stadt, zugleich aber nahe am südlichen Kulturkreis – ist die perfekte Synthese der künstlerischen Strömungen jeder Epoche: Zu jung, als dass die Romanik sich hier hätte manifestieren können, verbinden sich Gotik und Renaissance auf wunderbare Weise, ergänzt durch barocke Brunnen und schlichte französische Fassaden. Dahinter verbergen sich Gemälde, Möbel und zahlreiche weitere schöne Objekte, die ein Ensemble bereichern, das selbst der Moderne noch Respekt abzugewinnen scheint.
Niklaus Manuel Deutsch (NMD) – Meister der Berner Synthese
Wer nach der Quelle dieser geschichtlichen Synthese suchen will, muss an die Wende vom späten 15. zum frühen 16. Jahrhundert zurückkehren: Während heute Paris, London, Berlin oder New York als Zentren der Kunst- und Kulturszene gelten, lag der weltweite Mittelpunkt zur Zeit der Renaissance selbstverständlich auf der italienischen Halbinsel – genauer gesagt in ihren zahlreichen Stadtstaaten, die in lebhafter Konkurrenz zueinander standen.
Natürlich bildet die künstlerische Dimension der Renaissance gewissermassen nur den sichtbaren Teil einer weitaus tiefergehenden geistigen und spirituellen Bewegung. In einem seit Jahrhunderten andauernden und bis heute fortwirkenden Prozess bewirkte diese, dass sich die westliche Welt zunehmend von der klassischen griechisch-römischen Weltsicht als Grundlage der christlichen Philosophie löste – wie sie insbesondere von der Scholastik, vor allem von der dominikanischen Schule, vertreten wurde.
Hinter jeder Kunst – sei es Malerei, Musik, Architektur, Literatur, Film oder Ähnliches – steht jedoch eine ästhetische Vorstellung, die wiederum das Produkt der jeweils vorherrschenden Glaubensvorstellungen und gesellschaftlichen Sitten ist.
Auch scheint mir das Werk von Niklaus Manuel für Bern von fundamentaler Bedeutung zu sein – und dies nicht nur als Zeugnis einer Zeit großer religiöser und sozialer Umbrüche oder wegen seines aussergewöhnlichen Talents als Zeichner, sondern vor allem, weil ohne sein Werk der spätere « Berner Stil » – also, um es auf den Punkt zu bringen, die Synthese aus Gotik und französischem Klassizismus sowie germanischem und lateinischem Element – sich vermutlich niemals so harmonisch und so selbstverständlich hätte herausbilden können.
Warum? Das ist natürlich nur meine persönliche Ansicht. Ich möchte aber kurz zwei seiner Bilder vorstellen, um zu verdeutlichen, warum ich zu dieser Einschätzung komme:

Niklaus Manuel. Der heilige Lukas malt die Madonna (1515). Kunstmuseum Bern. Bild: zvg
Wenn man weiß, was während der Reformation mit den Bildern, Statuen und Altären geschah – die damals als Götzendienst betrachtet wurden –, wirkt dieses Gemälde tatsächlich überraschend. Wir befinden uns nämlich 13 Jahre vor der Annahme der neuen Religion durch Ihre Exzellenzen (1528) – und was tut Niklaus Manuel, der später aktiv auf Seiten der Reformatoren teilnahm? Er zeigt den Akt der Erschaffung eines… heiligen Bildes.
Die flämische Präzision zeigt sich in den Details, während die Raumkonstruktion von Italien beeinflusst ist. Dennoch sind einige starre Figuren – ein Erbe der Gotik (die Türmchen und die kleinen Engel) – vorhanden. Der Stil liegt somit klar zwischen Spätgotik und Renaissance. Das Werk an sich ist nicht spektakulär; tatsächlich ist es soziologisch. Und genau darin entfaltet es seine volle Tiefe.
Aus einer bereits sehr modernen Perspektive zeigt Manuel vor allem die Bedeutung des Bildes und seines Schöpfers: Nicht mehr die Heilige Jungfrau Maria steht im Mittelpunkt (wie es in katholischen Marienbildern üblich ist), sondern der Mensch. Diese Verschiebung ist wichtig, da sie die tiefgreifende anthropologische Transformation ausdrückt, die damals stattfand – den Übergang von einer theozentrischen zu einer humanistischen Weltsicht – und zugleich die wachsende Bedeutung des Bildes vorwegnimmt, deren Höhepunkt vermutlich in der heutigen Medienwelt liegt.
Gleichzeitig bleibt das Werk in sich traditionell: Hinzu kommen der pflanzliche Kranz als Symbol für Sieg und Ruhm (der im 18. Jahrhundert auch über dem Wappen der Stadt und Republik Bern zu sehen sein wird), die Wertschätzung der Handarbeit (die in Bern bis heute trotz des Rationalismus der Aufklärung und der Tertiärisierung der Arbeit hochgehalten wird) sowie vor allem die lokale Verwurzelung – die Landschaft im Hintergrund ist nicht Palästina, sondern die bernische Landschaft mit den Berner Alpen.
Deshalb hat Manuel, gerade weil er in seinem Werk gemässigt blieb, ohne extreme Parteinahme, die traditionellen Prinzipien bewahrte und sie gleichzeitig aus moderner Sicht neu deutete, ohne zu unterdrücken, sondern darauf abzielte, ein harmonisches Zusammenleben zu fördern, den Berner Künstlern der folgenden Jahrhunderte sehr wahrscheinlich den Weg gewiesen – den Weg der Synthese.

Niklaus Manuel. Das Urteil des Paris (1520). Kunstmuseum Basel. Bild: zvg
Die griechische Mythologie war zu Beginn des 16. Jahrhunderts besonders populär, und die Episode des Urteils des Paris diente zahlreichen Künstlern als Motiv. Anders als die italienischen Werke ist Manuels Arbeit jedoch nicht von einem flamboyanten Stil geprägt, sondern bleibt strukturiert. Auch der Einfluss von Albrecht Dürer wird hier deutlich: Die Zeichnung ist präzise, die Linien sauber, und die Detailgenauigkeit ist streng.
Doch mehr als ein Stil zeigt sich hier die germanische Mentalität, das Staats- und Armeeverständnis – so charakteristisch für Bern. Das Ziel ist moralischer Natur, nicht dekorativ. Aber auch hier: wie weit entfernt Manuel vom Puritanismus der Reformation ist! Es handelt sich also um ein Übergangswerk, und genau das macht es so interessant, so typisch bernisch.
Welche Botschaft will er uns vermitteln? Betrachtet man Paris, erkennt man keinen idealisierten antiken Hirten, sondern einen zeitgenössischen jungen Mann, zwei Jahren vor der Schlacht bei Bicocca (1522), an der Manuel selber auch teilnahm. Vielleicht einen derjenigen, die in Marignano waren – oder den Vater eines derjenigen, die in den Waadtländer Landen in den Krieg ziehen würden. Manuel wendet sich also an die Berner seiner Zeit, mit einer impliziten Botschaft, die etwa lautet: Vorsicht! Eine falsche individuelle Entscheidung kann eine kollektive Katastrophe auslösen.
Auch hier zeigt sich die Spannung zwischen dem entstehenden Individualismus – der implizit kritisiert wird – und dem Streben nach dem Gemeinwohl, charakteristisch für das römische Bürgertum – civis optimus, wie es Cicero verstand – das höchste Beispiel, das Bern bis 1798 zu bewahren wusste.
So scheint Manuel nicht zwischen zwei Welten zu schwanken: Er versucht, sie zu versöhnen, eine Synthese zu schaffen. Ein weiteres Beispiel für das Erbe dieses grossen Künstlers unter den Grossen unserer schönen Heimat, dem sie sicherlich etwas Einzigartiges in unseren Gefilden verdankt: das Privileg, einen wirklich eigenen ästhetischen Geist zu besitzen.
Das volle Leben. Alte Meister von Duccio bis Liotard.
13.02.2026 – 27.09.2026 – Ausstellung im Kunstmuseum Bern.