Text: Peter Schibli
Die neue Ausstellung im Bernischen Historischen Museum (BHM) gibt Gelegenheit, über Kriege, über Schlachten nachzudenken. Wer erzählt die Geschichte, zu welchem Zweck, und wem nützt die Inszenierung von Krieg anlässlich von Jubiläen?
Just am 4. Jahrestag des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gelangte im Kulturcasino die «Festkantate zur Jubelfeier der Schlacht bei Murten» anlässlich der Ausstellungsvernissage „Murten, ausgeschlachtet – ein Sieg wird in Szene gesetzt“ zur Aufführung. Nicht durch das Berner Symphonie-Orchester, sondern – symbolisch wirkungsvoll – durch das Jugendorchester der Ukraine.
Ein Sieg und seine Geschichte
Anlass für die musikalische Feier mit Festreden war die neue Ausstellung: 550 Jahre nach dem Schlachtgemetzel vor den Toren von Murten gibt das BHM Gelegenheit, darüber zu philosophieren, wer die Kriegsgeschichte schreibt (immer die Sieger) und wem Kriege nützen (meistens den Siegern).
Erinnert wird an die Schlacht bei Murten am 22. Juni 1476: Die Eidgenossen und ihre Verbündeten besiegten die Truppen des burgundischen Herzogs Karl des Kühnen. Rund 400 Jahre später präsentierte die Zürcher Panoramagesellschaft das Panorama der Schlacht bei Murten. 100 Meter lang und 10 Meter hoch, zog es ein Massenpublikum in seinen Bann.
An der Landesausstellung Expo.02 wurde das Werk 2002 im rostigen Kubus von Jean Nouvelle auf dem Murtensee neu inszeniert. Nach über zwanzig Jahren im Verborgenen ist das legendäre Panorama nun in neuer Form im BHM zu entdecken: Als zoomendes Digitalisat, das in den Labors der ETH hergestellt wurde.
Die Schau bietet einen neuen Blick auf die Schlacht bei Murten. Ein Ereignis, das tief im kollektiven Gedächtnis von Bern und der Schweiz verankert ist. Die Ausstellung zeigt, wie historische Begebenheiten zu mitreissenden Inszenierungen verdichtet werden, die mehr über die Zeit ihrer Entstehung als über die Schlachten selbst erzählen — und fragt nach den Kräften, die solche Darstellungen befürworten, antreiben und verbreiten. Auch in der Ukraine und im Iran.
An der Vernissage im Casino war die Rede von Patriotismus, Nationalismus und Verherrlichung. Angesichts des anhaltenden Ukrainekriegs und am Vorabend eines möglichen Angriffs der USA auf den Iran sind die historischen Interpretationen von Kriegen und Schlachten nur schwer zu ertragen. Und die Ausstellung im BHM ist alles andere als eine patriotische Verherrlichung, sondern eine Warnung davor, dass die Menschheit auf dem besten Weg ist, sich selbst zu vernichten.

Das digitalisierte Murtenpanorama im BHM. Foto: Stefan Wermuth