Text/Bilder: Ruben Brönnimann

Die Schweiz war für mich immer Heimat – nicht nur, weil meine ganze Familie dort lebt, sondern auch, weil sie mich geprägt hat: die Berge, und die Aare in Bern, dann das Stadtleben in Zürich und die Sicherheit einer stabilen Karriere. Aufgewachsen bin ich zusammen mit meinen Geschwistern Viviane und Leonard bei meinen Eltern Eliane und Jürgen Brönnimann in Muri bei Bern. Meine Grosseltern Konrad und Lily nur 10 Minuten mit dem Velo entfernt. Die letzten zehn Jahre habe ich in Zürich verbracht, dazwischen ein Studienjahr in London. Seit 2015 habe ich als Software Engineer bei der UBS gearbeitet, daneben in Rapperswil Informatik studiert und später in London FinTech mit Business Analytics. Es schaute so aus, als sei mein Weg klar vorgezeichnet.
Doch scheint das Leben manchmal seine eigenen Pläne zu haben.
Die Schweiz war für mich immer Heimat – nicht nur, weil meine ganze Familie dort lebt, sondern auch, weil sie mich geprägt hat: die Berge, und die Aare in Bern, dann das Stadtleben in Zürich und die Sicherheit einer stabilen Karriere. Aufgewachsen bin ich zusammen mit meinen Geschwistern Viviane und Leonard bei meinen Eltern Eliane und Jürgen Brönnimann in Muri bei Bern. Meine Grosseltern Konrad und Lily nur 10 Minuten mit dem Velo entfernt. Die letzten zehn Jahre habe ich in Zürich verbracht, dazwischen ein Studienjahr in London. Seit 2015 habe ich als Software Engineer bei der UBS gearbeitet, daneben in Rapperswil Informatik studiert und später in London FinTech mit Business Analytics. Es schaute so aus, als sei mein Weg klar vorgezeichnet.
Doch scheint das Leben manchmal seine eigenen Pläne zu haben.
Warum Valencia?
2021 besuchte ich zum ersten Mal meine Freundin in Valencia. Damals dachte ich noch nicht daran, dort zu leben. Aber etwas hat mich sofort berührt: Die Wärme der Menschen, das entspannte Lebensgefühl, das mediterrane Wetter – und natürlich die valencianische Paella. Meine Freundin lebt schon seit Jahren hier, arbeitet als Forscherin und inzwischen auch Professorin an der Polytechnischen Universität von Valencia im Bereich Bauingenieurwesen. Eine Zeit lang führten wir eine Fernbeziehung. Doch nach meinem Masterabschluss in London 2023 und dem Ende meiner obligatorischen Verpflichtung bei der UBS, ergab sich Mitte 2024 für mich die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen. Wir hatten den Wunsch, endlich zusammenzuleben, aber für sie hatte sich nie eine Möglichkeit aufgetan, als Forscherin in die Schweiz zu ziehen, und so beschloss ich, etwas zu wagen. So bin ich dann im Februar dieses Jahres nach Valencia ausgewandert.
Als ich meiner Familie von meinen Plänen erzählte, waren sie unterstützend, aber auch besorgt. Nicht nur die Distanz zwischen der Schweiz und Spanien ist beträchtlich, sondern auch der Unterschied im Lohnniveau, und sie wussten, dass ich ein gewisses Komfortniveau aufgeben würde. Aber meine Eltern reisen selber gerne und haben mir die Neugierde für fremde Orte und Kulturen weitergegeben. Insofern verstanden sie auch, dass ich diesen Schritt wagte.
Der Sprung ins Neue
Mein Leben habe ich auf einen Koffer und einen Rucksack reduziert. Es war gleichzeitig aufregend und beängstigend, fast alles zurückzulassen – Job, Wohnung, Möbel, Habseligkeiten. Als ich in Valencia in der Wohnung ankam und in einem nahegelegenen Restaurant zu Abend ass, fühlte es sich eher wie Ferien an, als wie der Beginn eines neuen Lebens.
Die Herausforderungen
Nicht alles war einfach. Die spanische Bürokratie hat ihren ganz eigenen Charakter. Einen Termin für die Anmeldung zu ergattern, war wie der Kampf um ein Konzertticket – man musste genau im richtigen Moment klicken, bevor alle Plätze weg waren. Plötzlich war alles auf Spanisch, und mit meinen Sprachkenntnissen war es nicht so weit her.
Die Stellensuche stellte sich glücklicherweise als einfacher heraus, als gedacht: Nach einer Empfehlung kontaktierte mich eine Consultingfirma. Während ich den Unterbruch im Job für eine zweimonatige Reise durch Asien nutzte, absolvierte ich mein letztes Vorstellungsgespräch von Singapur aus. Am Ende hat es geklappt, und nach einem halben Jahr hat sich alles als gute Entscheidung herausgestellt.
Mein Leben in Valencia
Heute wohnen wir in Benimaclet, einem Quartier voller Leben. An jeder Ecke gibt es Bars und Restaurants. Menschen treffen sich draussen, um zu tanzen, Velo zu fahren oder Rollschuh zu laufen. Es ist geschäftig – aber nicht hektisch, sondern lebendig.
Der Rhythmus ist ganz anders als in der Schweiz. Dort lädt man Freunde oft nach Hause ein. Hier spielt sich das meiste draussen ab, oft schon vor dem späten Nachtessen, das erst um 21 bis 22.30 Uhr beginnt. Die Läden bleiben lange offen, und selbst im Winter sind die Strassen voller Menschen, die sich tagsüber draussen in der Sonne aufwärmen, weil viele Wohnungen kaum geheizt werden.
Ich gehe oft joggen entlang eines Veloweges, der aus der Stadt hinausführt. Kürzlich habe ich mein erstes 15km Rennen absolviert. Ausserdem spiele ich Pádel, eine in Spanien sehr beliebte Sportart, ähnlich zum Tennis, und bin Teil einer Falla – das ist einer von vielen Vereinen, die für das jährliche Fest Las Falles leben.
Traditionen und Paella
Las Fallas, das wichtigste Fest Valencias, ist ein Erlebnis wie kein anderes. Drei Wochen lang verwandelt sich die Stadt in ein Spektakel mit Musik, Feuerwerken und Festen in allen Strassen. Die “Fallas” Vereine bauen riesige Skulpturen aus Holz und Pappmaché auf, welche am letzten Tag des Festes verbrannt werden. Das ist ein unglaublicher Moment – aufregend und emotional zugleich, ein gemeinsamer Abschluss. Dieses Jahr habe ich bereits zum dritten Mal an der Ofrenda, dem traditionellen Umzug der Fallas, teilgenommen, edel gekleidet als Fallero.
Durch meine Falla-Gruppe habe ich auch bei einem Paella-Wettbewerb mitgemacht. Dafür wurden eine Seitenstrasse abgesperrt, Feuerstellen entzündet, und überall sassen Leute auf Stühlen um die Paellas herum, tranken, redeten, lachten. Ich war für die Paella unserer Gruppe von 22 Personen verantwortlich. Nervös, aber auch voller Vorfreude, begannen wir zu kochen. Mit Hilfe meiner Freundin und Tipps ihrer Familie, anderer Falla-Mitglieder und sogar von meinem Coiffeur ist die Paella gelungen. Am Ende war ich stolz: Wir erreichten den vierten Platz.
Was ich schon bei meinem ersten Mal gelernt hatte: die originale Paella, die valencianische, wird nicht mit Meeresfrüchten, sondern mit Poulet und Kaninchen zubereitet. Manche Restaurants weigern sich sogar, Meeresfrüchte-Paella als „Paella“ zu bezeichnen – sie nennen es schlicht „Reis mit Meeresfrüchten“.





Was ich vermisse, was ich gewonnen habe
Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde. Ich vermisse das Wandern in den Bergen, das Schwimmen in Flüssen und Seen – und besonders das Schweizer Brot. In Valencia ist fast alles Weissbrot, und selbst das „Vollkornbrot“ schmeckt nicht gleich.
Aber ich habe hier viel gewonnen: einen neuen Lebensstil, neue Hobbys, neue Freunde. Die Menschen sind offener – besonders, wenn man ihre Sprache spricht. Ich habe gelernt, Risiken einzugehen, Gelegenheiten zu nutzen und das Leben mit einer anderen Gelassenheit zu sehen.
Besuch und Teilen
Mein Bruder Leonard war kürzlich hier und war überrascht, wie viel Valencia zu bieten hat – und begeistert vom Essen. Er konnte es kaum glauben, dass ich nun an einem Ort mit Strand wohne. Meine Eltern planen gegen Ende Jahr vorbeizukommen und ich weiss schon genau, wohin ich sie führen möchte: Eine Bootsfahrt in der Albufera-Lagune und danach für eine Paella im benachbarten Dorf El Palmar inmitten der Reisfelder, das für die besten Paellas überhaupt bekannt ist.
Für meine Freunde und Familie möchte ich auch eine Paella in der Schweiz kochen. Das ist aber nicht ganz einfach, weil es Platz, Zeit und Zutaten braucht, die in der Schweiz nicht alltäglich sind. Aber die Vorstellung, dieses Stück Valencia mit ihnen zu teilen, macht mich glücklich.
Blick nach vorne
Im Moment sehen meine Freundin und ich uns langfristig in Valencia. Aber wir schliessen auch nicht aus, eines Tages weiterzuziehen. Erst möchte ich aber mein Spanisch verbessern, neue Hobbys ausprobieren, Freundschaften aufbauen – und vor allem mit meiner Freundin hier das Leben gestalten. Nach sieben Monaten fühlt sich Valencia weniger wie Ferien, sondern immer mehr wie ein Zuhause an.
Manchmal denke ich an Kindheitsträume. Welches Kind hat nicht davon geträumt, am Meer zu wohnen? Heute gehe ich zu Fuss an den Strand oder jogge im Turia-Park und merke: für mich ist dieser Traum Realität geworden.
Schlusswort
Beim Schreiben dieses Beitrags ist mir aufgefallen, dass die Verbundenheit mit der Schweiz trotz Distanz stark bleibt. Die Schweiz wird immer meine Heimat bleiben, aber Valencia hat mir neue Wurzeln geschenkt. Ich hoffe, mein Beitrag kann euch einen kleinen Einblick in mein Leben hier geben – und vielleicht sogar ein wenig Neugier auf diese Stadt wecken, die mich so herzlich aufgenommen hat.